Brief und Macht : Pseudonyme Briefsammlungen der Antike ?

Colloque international


Dernière modification : 17 septembre 2019

Du jeudi 5 au samedi 7 septembre 2019. Château de Rauischholzhausen (centre de conférences de l’université de Giessen), Allemagne.
 
Organisation : Dr. Émeline Marquis (UMR 8546-AOROC, Archéologie et Philologie d‘Orient et d‘Occident (CNRS/PSL University) & Prof. Dr. Peter von Möllendorff (Institut für Altertumswissenschaften (Gräzistik) Justus-Liebig-Universität Gießen)

Die Tagung soll die pseudonymen Briefe in den Blick nehmen und an ausgewählten Beispielen zeigen, in welchen diskursiven Feldern und auf welche Art und Weise Macht ausgeübt, ausgehandelt und daneben auch reflektiert wird. Dies betrifft natürlich zunächst und besonders eindringlich Fragen der politischen Macht, dann aber ebenso auch der Machtausübung in zwischenmenschlichen Verhältnissen und in der intellektuellen Auseinandersetzung. Die Tatsache, dass Briefe einerseits ein Medium der Alltagskommunikation darstellen und daher ihre Produktion und Rezeption jedem denkbaren Leser vertraut ist, dass sie andererseits aber auch literarisch und rhetorisch anspruchsvolles Schreiben ermöglichen, macht sie thematisch und hinsichtlich ihrer Benutzer universell einsetzbar. Insofern als sie fundamental dialogisch sind, greifen sie unmittelbar in das Miteinander von Schreiber und Empfänger ein, das grundsätzlich auf einer Machthierarchie beruht und sie auch abbildet, hinterfragt, herstellt. Gerade im Fall von Briefsammlungen wird es von hohem Interesse sein, zu beobachten, wie sich solche Prozesse entfalten, unterschiedliche Intensitäten hervorbringen, stagnieren, womöglich auch aufgegeben werden. Gerade dann, wenn jeweils nur die Briefe einer Seite vorhanden sind, wird auch der Leser in dieses Machtspiel einbezogen, muss er doch Antworten imaginieren, sich fragen, wie er anstelle des Adressaten geantwortet hätte, was gerade dann, wenn der Verfasser des Briefes auch jenseits dieser Sammlung bekannt ist, zu komplexen Reflexionen Anlass gibt ; kennen wir hingegen Antwortschreiben, so liegt es nahe, über Alternativen des Kommunikationsverlaufs nachzudenken. Briefe inszenieren also Macht, mithilfe von Briefen wird Macht ausgeübt, aber darüber hinaus können Briefe auch Macht-Themen ausdrücklich ansprechen und diskutieren. Der Titel der beantragten Tagung ist insofern zweifach zu verstehen.
Die Beiträge und Diskussionen der Tagung werden sich daher insbesondere auf folgende Fragestellungen konzentrieren :
1. Darstellung von Macht. Wie wird politische Macht diskursiv inszeniert ? Welche Machtformen werden in den Briefen thematisiert ? Wird Macht mit Blick auf herrschende soziopolitische Verhältnisse jeweils unterschiedlich dargestellt ? Welche Rolle spielt der Protagonist der Briefe, und wie nah steht er einem Machtzentrum ? Inwiefern hat der politische Status des Protagonisten und seine Verfügung über weitere Machtmittel einen Einfluss auf seine Konzeption der Macht ? Wird Macht kritisiert und hinterfragt ?
2. Formen der ethischen und politischen Reflexion über Macht. Basieren alle Briefsammlungen auf vergleichbaren Topoi der Ethik oder der politischen Philosophie, oder generieren sie neue philosophische Ideen ? Illustrieren oder realisieren Briefe philosophische Grundsätze ? Was sagen Briefe über die Praxis der Macht, ihre Gefahren und ihre Konsequenzen ? Führen sie zur Bewertung und Beurteilung politischer Modelle ?
3. Briefe als Machtinstrument. Briefe sind auch ein Weg, Macht oder Gegenmacht auszuüben. Was ist die Wirkung der Briefe auf ihre Adressaten innerhalb der Sammlungen ? Wie effizient sind sie ? Was lässt sich über solche Effizienzen oder Ineffizienzen mit Blick auf denkbare oder erkennbare Wirkungen auf die Leser dieser Sammlungen sagen ?
4. Die Macht der Briefe (als literarische Werke). Briefe erwecken die Illusion der Wirklichkeit und Authentizität, in dem sie sich als Spiegel der Seele ihres Schreibers präsentieren. Sie haben eine Wirkung auf ihre Leser, und möglicherweise einen Einfluss auf die Nachwelt. Ihre Einflussmacht lässt sich an der Vertiefung oder sogar der Änderung des Bildes, das wir von den Protagonisten haben, messen. Dadurch sind die Autoren dieser Briefsammlungen trotz ihres Versuches sich unsichtbar zu machen, selbst Machthaber, und zwar schon allein auf Grund der Auswahl, Einordnung und Inszenierung der Briefe.
 
Programme :
 
DONNERSTAG, 5. September 2019
12:30 Mittagessen
13:45 Einführung : Émeline Marquis, Peter von Möllendorff
Sektion 1 : Briefe „aus archaischer Zeit“
14:15 Andreas Schwab (München)
Macht—Weisheit—Politik ? Über Solons Macht und Ohnmacht in den Briefen der Sieben Weisen bei Diogenes Laertios
15:15 Émeline Marquis (Paris)
Phalaris ou Les paradoxes du tyran

16:15 Kaffeepause

16:45 Tim Whitmarsh (Cambridge)

The Slow Death of the (Female) Author : The Letters of Theano
18:30 Abendessen
FREITAG, 6. September 2019
Sektion 2 : Briefe „aus klassischer Zeit“
9:00 Manuel Baumbach (Bochum)
Die Ohnmacht der Macht im pseudepigraphischen Briefwechsel zwischen Artaxerxes und Hippokrates
10:00 Kaffeepause
10:30 Peter v. Möllendorff (Gießen)

Macht und Ohnmacht eines Exilierten. Die Briefe des Themistokles
11:30 Andrew Morrison (Manchester)
Letters, Power, and the Power of Letters in the “Platonic“ Epistles
12:30 Mittagessen
Sektion 3 : Briefe „aus hellenistischer Zeit“

13:45 Patricia Rosenmeyer (Chapel Hill)

The Hipparchia Letters : Dynamics of Power and Persuasion in Crates’ Cynic Epistles 28-33
14:45 Kathryn Tempest (London)

Responding to Roman Rule : The Letters of Brutus and Mithridates

15:45 Kaffeepause
Sektion 4 : Briefe „aus der Kaiserzeit“
16:15 Thomas Bauer (Erfurt)
In der Maske des Paulus. Motive und Strategien pseudepigraphischer Briefe im frühen Christentum
17:15 Therese Fuhrer (München)

Vom „Lehrer des Kaisers“ zum „neuen Verkünder Christi“ : Persuasive Strategien im Brief-wechsel ‚Seneca‘ - ‚Paulus‘
18:30 Abendessen
SAMSTAG, 7. September 2019
9:00 Dimitri Kasprzyk (Brest)
Autorités et paroles d’autorité dans les Lettres d’Apollonios de Tyane
10:00 Kaffeepause
10:30 Francesca Mestre (Barcelona)
Lettres aux cités d’Apollonios ou les règles de l’hellénité
11:30 Abschlussdiskussion
12:30 Mittagessen/Abreise


Organismes partenaires :

AOrOc - UMR 8546-CNRS/PSL Justus-Liebig-Universität Giessen